SEARCH

edit SideBar

Operation Paranoia

From http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41751390.html

Die "dritte Weltmacht" neben CIA und KGB hat Jetzt in der Bundesrepublik Fuß gefaßt: die Internationale der "Labor Committees", die Geheimdienste das Gruseln lehren will.

Im letzten Winter, als der westdeutsche Happening-Professor Joseph Beuys, 52, im roten Pelz, mit grauem Filzhut die USA bereiste, faszinierte ihn vor allem Nordamerikas Underground: Am stärksten beeindruckt zeigte sich der zur Zeit international bekannteste deutsche Künstler von "dem Dampf, der da überall aus den Straßen aufgestiegen ist".

Absonderungen und Absonderlichkeiten des amerikanischen Untergrunds soll der Düsseldorfer Plastiker, der Filzrollen auf Schlitten schnallt und Majoran in Klaviere kippt, künftighin systematisch nachgehen. Jüngst ließ Beuys mitteilen, er habe sich einer "Untersuchungskommission" angeschlossen, die mysteriöse Operationen des US-Geheimdienstes CIA enttarnen wolle.

Hilfe findet Beuys bei einer Handvoll westdeutscher Mitkommissare -- darunter Wissenschaftler wie Walter Warnach, Professor für Philosophie in Düsseldorf, und Arno Klönne, Professor für Politologie in Münster und Bielefeld, der einst in der Spitze der Ostermarsch-Kampagne gegen Atomrüstung stritt.

Der Plastiker, der Philosoph und der Politologe haben sich bereitgefunden, gemeinsam mit Professoren aus Italien, Belgien und den USA Vorwürfen nachzugehen, "die der Aufmerksamkeit bedürfen" (Klönne), vor allem der Behauptung, Amerikas Geheimdienstier gebrauchten im Kampf gegen westliche Linke die gleichen Methoden, derer sich ihre Kollegen vom sowjetischen KGB bei der Dissidenten-Behandlung bedienten: Psychopharmaka, Elektroschocks. Gehirnwäsche.

Ausgestreut wird der Verdacht von einer 1967 in den USA gegründeten Polit-Gruppe, deren Aktivitäten zu den "absonderlichsten Episoden in der Geschichte der amerikanischen Linken" ("New York Times") zählen und die ihre Arbeit kürzlich auch auf Westdeutschland ausgedehnt hat: von dem "International Caucus of Labor Committees"* (ICLC) samt seiner "European Labor Committees/Europäische Arbeiterfraktionen" (ELC).

Lokale ELC-Zirkel entstanden während der letzten Monate in 13 westdeutschen Städten. Bei einer "Europa-Konferenz" drängten sich am vorletzten Wochenende 400 ELC-Anhänger aus sieben Nationen im Festsaal des "Hauses der Jugend" am Frankfurter Main-Ufer, wo sie gebannt endlosen in Italienisch, Englisch und Deutsch gehaltenen Vorlesungen lauschten, die allesamt um ein einziges Thema kreisten: tatsächliche und vermeintliche Aktionen der "Central Intelligence Agency", jener --

nach einem Bestseller-Titel -- "Unsichtbaren Regierung" der USA, die fast immer im Spiel war, wenn irgendwo auf der Welt linke Regimes gestürzt oder rechte gestützt wurden (SPIEGEL-Titel 22/1966).

Ebenso wie in Dutzenden von Flugschriften und in dem seit kurzem erscheinenden deutschsprachigen Organ "Neue Solidarität" (Auflage: 10 000, Preis: 20 Pfennig) behaupteten die ELC-Referenten, der US-Geheimdienst

  • verursache gemeinsam mit den Zentralen der multinationalen Konzerne
  • Caucus (engl.): Ausschuß.

(ELC-Jargon: "die CIA/Rockefeller-Kräfte") Wirtschaftskrisen und Terrorakte -- mit dem geheimen Ziel, die Autorität nationaler Regierungen zu erschüttern, faschistischen Bewegungen Auftrieb zu geben und so den Einfluß der Multis abzusichern;

  • unterstütze gehirnchirurgische, psychiatrische und soziologische Forschungsprogramme, deren Ergebnisse Verhaltensmanipulationen an ganzen Nationen ermöglichten -- in der Absicht, einen weltweiten 1984-Faschismus" zu errichten, in dem zu "biologischen Robotern" ("Zombies") mutierte Menschen sklavisch die Profite der Multis multiplizieren.

Für derlei Verschwörungs-Theorien ist, so scheint es, Raum im Welt-Bild mancheines jener deutschen Linken, die bei jedem Knacken im Telephon an dunkle Mächte denken -- die freilich auch gelernt haben, daß die Schieß- und Psychokrieger westlicher Geheimdienste in den letzten Jahrzehnten in der Tat zu fast allem fähig waren: von der Schweinebucht-Invasion in Kuba bis zur Vergällung sowjetischer Zucker-Importe, vom Abhör-Tunnelbau nach Ost-Berlin bis zur Finanzierung des Weltbundes Junger Christlicher Demokraten (SPIEGEL 10/1967).

Das Frankfurter Kongreß-Publikum (Eintrittspreis: 15 Mark) nahm denn auch kritiklos hin, daß ELC-Redner die CIA für alles und jedes verantwortlich machten: etwa für die Entführung der Millionärstochter Patricia Hearst durch die obskure "Symbionese Liberation Army" ("offensichtlich direkte Verbindungen zwischen SLA und der CIA") und selbst für die Watergate-Angriffe gegen Nixon ("CIA-Komplott, um die großen politischen Parteien zu diskreditieren").

Gegen die Weltsicht der ELC -- ein geschlossenes, in sich schlüssiges System, das auf jede Frage eine Antwort gibt -- sind offenbar nicht einmal sämtliche Mitglieder der westdeutschen KP oder der Jungsozialisten gefeit: Die LC seien, jubilierte jedenfalls am 15. Februar das amerikanische ICLC-Organ "New Solidarity" (Auflage: 110 000), "tief in das Bewußtsein der Jusos eingedrungen" -- so tief immerhin, daß sich der Juso-Bundesvorstand vorletzte Woche veranlaßt sah, per Rundbrief (Aktenzeichen B 14) vor der "sektiererischen Gruppierung" zu warnen; die DKP hatte sich bereits letztes Jahr von der ELC distanziert.

Der harte Kern der LC-Bewegung -- der in Nord- und Südamerika auf über tausend, in Westeuropa auf rund 300 Mitglieder geschätzt wird -- scheint zu manchem Opfer bereit: US-Mitglieder, großenteils einstige Anhänger der "Students for a Democratic Society", führen monatlich 24 Dollar ab, europäische Genossen zuweilen noch mehr. Helga Ljustina, eine langhaarige Jung-Wiesbadenerin, die das ELC-Spendenkonto verwaltet, gesteht: "Was wir zum Leben brauchen, brauchen wir -- alles darüber hinaus können wir abgeben."

Gründer und Weltvorsitzender der LC-Bewegung ist ein 51jähriger US-Philosoph, der sich Lyn Marcus nennt, aber -- wie er behauptet -- eigentlich Lyndon Hermyle LaRouche Jr. heißt. Marcus war nach eigenen Angaben früher Unternehmensberater und Computer-Programmierer, von 1948 bis 1957 Mitglied einer trotzkistischen Gruppe, mit einer Psychiaterin verheiratet und Dozent an der "Free University" in Greenwich Village.

Was die deutschen Kommissionsmitglieder -- von hartnäckigen Marcusianern bedrängt -- jetzt untersuchen sollen, sind phantastische Spekulationen aus jenem Stoff, aus dem Alpträume sind: Marcus behauptet, Agenten des "britischen Geheimdienstes MI 5" hatten mit CIA-Hilfe seinen Mitstreiter Christopher White, 26, Ende letzten Jahres einer Gehirnwäsche unterworfen ("Operation Paranoia") und ihn per Elektroschock dazu "programmiert", den LC-Weltführer zu ermorden. Marcus: "Es sind plötzlich eine Menge Gespenster aufgetaucht."

In letzter Minute aber, so künden die LC-Traktate in sieben Sprachen, sei es Marcus gelungen, Christopher White zu "entprogrammieren" -- offenbar mit einer Art moderner Teufelsaustreibung, deren Verlauf Marcus mitschneiden ließ.

Die Tonaufzeichnung, die LC-Mitglieder nun der deutschen Kommission zwecks Analyse überlassen wollen, scheint in der Tat aufschlußreich. Der "New York Times Reporter Paul L. Montgomery berichtete am 20. Januar, nachdem er das Band abgehört und Lyn Marcus verhört hatte:

Auf dem Tonband sind Geräusche des Weinens und Erbrechens, und Mr. White beschwert sich, man habe ihm Schlaf, Nahrung und Zigaretten vorenthalten. An einer Stelle sagt jemand: "Erhöht die Voltzahl. Mr. Marcus sagt jedoch, das beziehe sich auf die hellen Lampen, die bei der Befragung benutzt werden seien, und nicht auf Elektroschocks. Zudem scheint etwas darauf hinzudeuten, daß jemand im Raum -- nicht Mr. Marcus -- versucht, Mr. White zu hypnotisieren.

Marcus freilich hält Montgomerys Verdacht, die LC wendeten gegenüber skeptischen Anhängern selber Gehirnwäsche-Praktiken an, für eine "paradoxe Verleumdung" und -- selbstverständlich -- für das Ergebnis eines Komplotts zwischen Presse und CIA.

Zusätzliches Kopfzerbrechen wird den Mitgliedern der deutschen Untersuchungskommission die Marcus-Behauptung bereiten, seit er seine Entprogrammierungskünste unter Beweis gestellt habe, sei außer der CIA auch Rußlands KGB hinter ihm her -- der fälschlich annehme, Marcus habe den Programm-Kode mit Hilfe "wichtiger Informationen des chinesischen Geheimdienstes" geknackt.

Wie lange die Divisionen des Lyn Marcus nun noch bestehen können in dem gespenstischen Nerven-Krieg zwischen den "drei psychologischen Weltmächten KGB, CIA und Labor Commitees" (Marcus), ist denn auch fraglich. Sicher scheint, daß die "Commitees" von den westdeutschen Künstlern· und Wissenschaftlern, die sie als Mitglieder der LC-initiierten "Untersuchungskommission" anführen, nur begrenzte Unterstützung erwarten dürfen.

Politologe Klönne etwa ist zwar "an Fragen der psychologischen Kriegführung interessiert", möchte sich aber mit der "skurrilen Linie" des Marcus-Caucus "politisch nicht identifizieren": "Da werden Fakten in Dimensionen übersteigert, in denen selbst Wahrscheinliches unwahrscheinlich erscheint."

Andere als Kommissionsmitglieder genannte LC-Kontaktleute haben sich "noch kein abschließendes Urteil" gebildet -- so der Düsseldorfer Rechtsanwalt Dr. Heinrich Gloeckner: "Das ist gar nicht in meinem Sinne, daß mein Name schon auf der Liste steht."

Sollte allerdings Joseph Beuys der Marcus-Gemeinde bei ihrem Kampf gegen CIA und KGB behilflich sein (wovon ELC-Sprecher überzeugt scheinen), winkt der dritten Weltmacht neue Hoffnung. Denn der Filz-Künstler, der nach Meinung deutscher Kritiker "seinen Begriff von Kunst auf alle Erscheinungen des Lebens -- einschließlich der Politik -- ausweitet" (Willi Bongard), verfügt über ungeahnte Kräfte.

Auf den Vorwurf, er sei "crazy", pflegt Beuys zu antworten: "Deshalb bin ich ein sehr mächtiger Mann -- mächtiger als Nixon."

Edit - History - Print - Recent Changes - Search
Page last modified on September 30, 2012, at 10:42 AM